CachyOS Kernel-Guide 2026: BORE, EEVDF, LTS oder RT – welchen brauchst du wirklich?

Der Kernel ist das Herzstück eines jeden Linux-Systems – er entscheidet, wie schnell deine CPU reagiert, wie flüssig Spiele laufen und wie fair der Scheduler die Last zwischen 16 oder 32 Threads verteilt. CachyOS ist eine der wenigen Distributionen, die nicht einen einzigen Kernel ausliefert, sondern dir gleich ein halbes Dutzend Varianten in die Repos legt. Standard ist linux-cachyos mit dem BORE-Scheduler, doch je nach Workload kann ein anderer Kernel deutlich besser passen.

Dieser Guide erklärt, was die einzelnen Kernel-Varianten unterscheidet, für wen sie gemacht sind und wie du in CachyOS sauber zwischen ihnen wechseln kannst – ohne dein System dabei zu zerschießen.

Warum CachyOS überhaupt eigene Kernel baut

Der offizielle Arch-Kernel ist generisch gebaut – er muss auf einem Intel Atom von 2012 genauso laufen wie auf einem Threadripper. CachyOS verzichtet auf diesen Kompromiss und kompiliert seine Kernel mit speziellen Optimierungen: x86-64-v3 (oder optional v4) als Mindestziel, O3-Kompiler-Flags, LTO und ein patchset, das CPU-Scheduler und I/O auf Desktop- und Gaming-Workloads trimmt. Das Ergebnis sind messbar bessere Latenzen und ein paar Prozent mehr Frames – ohne, dass du selbst einen Kernel kompilieren musst.

Wichtiger als die Optimierungen ist aber die Auswahl des Schedulers. Der Scheduler entscheidet, welcher Prozess gerade CPU-Zeit bekommt. Mainline-Linux nutzt seit Kernel 6.6 EEVDF, davor war es CFS. CachyOS bringt zusätzlich BORE und auf Wunsch BMQ mit. Diese Scheduler verhalten sich bei interaktiven Workloads, Spielen und Compile-Jobs unterschiedlich – und genau hier setzt das Auswahlproblem an.

Konsolen-Output mit dmesg-artigen Linux-Kernel-Boot-Messages
Beim Booten zeigt der CachyOS-Kernel, welche Scheduler- und Optimierungs-Patches geladen werden – ein dmesg | grep -i cachy nach dem Boot ist Pflicht.

linux-cachyos (BORE) – die richtige Wahl für 90 % der User

Der Standard-Kernel linux-cachyos nutzt den BORE-Scheduler (Burst-Oriented Response Enhancer). BORE ist eine Weiterentwicklung von CFS/EEVDF, die kurzlebige, interaktive Tasks bevorzugt – also exakt das Verhalten, das man bei einem Desktop oder beim Gaming haben will. Wenn du gerade einen Compile-Job laufen lässt und dabei in deinen Browser klickst, sorgt BORE dafür, dass der Browser nicht ins Stottern gerät, obwohl alle Cores ausgelastet sind.

Für wen: Standard-Desktop, Gaming, Daily Driver mit Browser, IDE, Discord. Wer nicht weiß, welchen Kernel er braucht, bleibt bei diesem.

linux-cachyos-eevdf – mainline-nah und konservativ

Wer die CachyOS-Optimierungen mitnehmen, aber nicht vom Mainline-Scheduler abweichen will, nimmt linux-cachyos-eevdf. Hier kommt der originale EEVDF-Scheduler aus dem offiziellen Linux-Kernel zum Einsatz – ohne BORE-Patch. Das ist die diplomatische Variante: alle Performance-Patches, aber kein Custom-Scheduler, der bei einem Bug-Bericht in einem Spiel oder Tool zu Diskussionen führt.

Für wen: Power-User, die Bug-Reports an Upstream-Projekte schicken und dort nicht hören wollen „kommt ja von einem Custom-Kernel“. Auch für Server-Workloads ohne Echtzeit-Anforderungen sinnvoll.

linux-cachyos-lts – Stabilität für Workstations

Die LTS-Variante (linux-cachyos-lts) basiert auf der jeweils aktuellen Long-Term-Support-Version des Linux-Kernels (Stand 2026 ist das die 6.12-Reihe). Du bekommst weniger neue Features, dafür Sicherheits-Updates über mehrere Jahre und keine Regressionen durch frische Mainline-Commits. CachyOS-Optimierungen und BORE sind aber auch hier mit dabei.

Für wen: Workstations mit kritischer Hardware-Kompatibilität (z. B. älteren Wacom-Tablets, exotischen WLAN-Chips), Studio-PCs für Audio-/Videoproduktion, generell alles, wo „läuft halt seit Monaten ohne Probleme“ wichtiger ist als der neueste Scheduler-Trick.

Diagramm Größe des Linux-Kernels über die Versionen hinweg
Der Linux-Kernel wächst von Version zu Version – LTS-Releases erben diese Code-Basis, bekommen aber jahrelange Stabilitäts-Patches.

linux-cachyos-rt und linux-cachyos-rt-bore – harte Echtzeit

Der RT-Kernel bringt das PREEMPT_RT-Patchset mit, das aus Linux einen vollwertigen Echtzeit-Kernel macht. Interrupts und Spinlocks werden weitgehend preemptierbar, was die maximale Latenz drastisch senkt. Der Preis: leicht reduzierte Durchsatz-Performance bei batch-orientierten Workloads.

Für wen: Audio-Produktion mit JACK oder PipeWire bei niedriger Buffer-Size, Maschinensteuerung, CNC-Anwendungen, Live-Streaming-Setups, alles wo eine 5-ms-Spike den ganzen Track ruiniert. Für reine Gamer ist der RT-Kernel kein Muss – moderne Mainline-Kernel mit PREEMPT_DYNAMIC=full sind hier nah dran.

Die Spezialisten: -hardened, -bmq und der git-rc-Kernel

Neben den Hauptvarianten gibt es noch drei Nischen-Kernel im CachyOS-Repo:

  • linux-cachyos-hardened – mit zusätzlichen Hardening-Patches (KSPP-Empfehlungen, mehr Stack-Protection, härtere ASLR). Sinnvoll auf einem Laptop, der viel im Coffee-Shop-WLAN hängt. Kostet etwas Performance.
  • linux-cachyos-bmq – mit dem PDS/BMQ-Scheduler von Alfred Chen. Etwas anderer Tradeoff zwischen Throughput und Latenz, hat eine kleine, aber treue Fan-Base. Lohnt sich zum Ausprobieren auf älterer Hardware.
  • linux-cachyos-rc – Release-Candidate-Kernel direkt aus dem Linus-Tree. Nur für Tester, niemals für Produktiv-Systeme.

Welcher Kernel passt zu wem? – Entscheidungstabelle

Use CaseEmpfohlener Kernel
Gaming, Standard-Desktoplinux-cachyos (BORE)
Allgemeines Daily Driving, Mischbetrieblinux-cachyos (BORE)
Bug-Reports an Upstream einreichenlinux-cachyos-eevdf
Workstation, kritische Hardwarelinux-cachyos-lts
Audio-Produktion, Echtzeit-Audiolinux-cachyos-rt-bore
Mobiler Laptop, viel öffentliches WLANlinux-cachyos-hardened
Kernel-Hacking, Testerlinux-cachyos-rc

Kernel wechseln – so geht’s in CachyOS

Der Wechsel ist auf CachyOS angenehm einfach, weil parallel mehrere Kernel installiert sein können. Du installierst den gewünschten Kernel, beim Reboot wählst du ihn im Bootmenü aus, und wenn alles läuft, wirfst du den alten raus. Empfohlener Weg ist die GUI-Variante über den CachyOS Hello/Settings-Dialog – auf der Konsole geht es so:

# Aktuell genutzten Kernel anzeigen
uname -r

# LTS-Kernel zusätzlich installieren
sudo pacman -S linux-cachyos-lts linux-cachyos-lts-headers

# Bootloader-Konfiguration aktualisieren (Limine ist Standard in CachyOS)
sudo limine-mkconfig -o /boot/limine.conf

# Reboot, im Bootmenü den neuen Kernel auswählen, testen.
# Wenn alles läuft – alten Kernel entfernen:
sudo pacman -Rns linux-cachyos linux-cachyos-headers

Wichtig: Niemals den aktuell laufenden Kernel deinstallieren, ohne vorher in den neuen gebootet zu haben. Sonst wirst du beim nächsten Reboot aus dem System gesperrt und musst über ein Live-System rein. Falls genau das passiert: Die Kernel-Pakete sind im Pacman-Cache (/var/cache/pacman/pkg), eine Reinstallation per Live-USB ist in 5 Minuten erledigt.

Fazit: Im Zweifel BORE, sonst gezielt wählen

Der Standard-Kernel linux-cachyos mit BORE-Scheduler ist für Gaming und Desktop-Use die beste Wahl – und genau deshalb installiert CachyOS ihn auch out of the box. Wer aber gezielt Workloads optimiert (Audio, Workstation-Stabilität, Hardening), bekommt mit den anderen Varianten echte Vorteile. Das schöne ist: Du kannst alle parallel installieren, im Bootmenü wechseln und im Zweifel mit zwei Befehlen zurück. Probier den passenden Kernel zwei Wochen aus – du wirst den Unterschied spüren.

Wenn du gerade erst mit CachyOS startest, lohnt sich vorher unser Installations-Guide. Und wer mehr aus seiner GPU rausholen will, findet im Gaming-Setup-Artikel die passende Ergänzung zum Kernel-Wechsel.

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